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Kinderzimmer

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Im Kinderzimmer schimmerte das Nachtlicht wie ein müder Mond, und doch war es nicht das hellste Leuchten im Raum. Das kam nämlich aus dem riesigen Rund, vor dem ein Mädchen mit langen Haaren auf einem Hocker saß. Ob es ein Fenster war oder ein Bild, wusste niemand so genau, am wenigsten das Rund selbst. Es zeigte jedenfalls einen Sternenhimmel, der so echt wirkte, dass man meinte, die kleinen Sterne könnten jederzeit herauspurzeln und sich im Teppich verfangen.

Um das Rund herum standen drei Spielfiguren, deren Leben deutlich spannender war, als es ihre Kunststoffherzen vermuten ließen.

Der Marionettenhampelmann, mit einer gepunkteten Hose, die aussah wie ein explodierter Pilz, wippte nervös mit den Beinen. Seine gepunktete Schildmütze rutschte dabei immer wieder zur Seite, sodass er alle paar Sekunden empört „Huch!“ quietschte.
„Wohin läufst du, Hampelmann?“, fragte das Mädchen leise, ohne den Blick vom Sternenrund zu nehmen.
„Wohin? WO-HIN?“, rief der Hampelmann. „Wie soll ich das wissen? Die Fäden ziehen mich, wie sie wollen! Eben wollte ich nach links, und zack! Jetzt gehe ich rückwärts nach rechts! Ich glaube, ich brauche ein Navigationssystem für Marionetten.“
Er stolperte eine kleine Pirouette und verbeugte sich, als hätte er das so geplant.

Daneben stand ein Schaukelpferd ohne Kufen, was seinen Beruf natürlich erheblich erschwerte. Es war ein wenig beleidigt über seine eigene Existenz.
„Bist du gern allein, Schaukelpferd?“ fragte das Mädchen.
Das Pferd schnaubte. „Allein? Kindchen, ich bin nicht allein. Ich bin umgeben von Dingen, die schaukeln dürfen! Schaukelstuhl, Schaukelpuppe, ja sogar die alte Kuckucksuhr hat mehr Schwung als ich! Ich würde ja gern schaukeln, wirklich, aber ohne Kufen geht das ungefähr so gut wie Schwimmen ohne Wasser.“
Es versuchte ein winziges Hüftwackeln, kippte aber nur leicht zur Seite und blieb dann trotzig stehen.

Die Schaukelpuppenprinzessin, die noch nie einen Tag in ihrem Leben still gestanden hatte, rotierte sanft vor sich hin. Ihr Krönchen wackelte im Kreis, wie ein winziger Satellit in eigener Umlaufbahn.
„Wird dir nicht schwindlig, Prinzessin?“ fragte das Mädchen.
„Schwindlig? Ich? Ach wo! Ich bin die erste Prinzessin im Dauerorbit! Ich übe für den Tag, an dem mich jemand ins All schickt. Stell dir vor, ich, die kosmische Königin! Einmal rings um die Erde, und dann wieder zurück ins Kinderzimmer.“
Sie drehte sich weiter, lächelte stolz, und stieß dabei den Hampelmann an, der prompt über das Schaukelpferd stolperte und auf die Nase fiel.

Das Mädchen lachte leise.
„Ihr seid heute wieder sehr lebhaft“, sagte sie und strich über das Rund, das ein bisschen funkelte, als würde es ihr antworten.
Die Sterne darin schienen zu zwinkern, vielleicht vor Vergnügen, vielleicht vor Erschöpfung.
Denn im Kinderzimmer dieses Mädchens war der Nachthimmel nicht nur ein Bild.
Er war ein Publikum.

Veröffentlicht am
Mittwoch, 12. November 2025
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